Montag, 1. Mai 2017

Neu in Essen-Rüttenscheid: DAS SCHÖN Brasserie Bar



 Ess-Kultur in der Brasserie

Eigentlich wollte Christian Bickelbacher persönlich anwesend sein, als der Genießer am Donnerstag der Einladung in seine neue Brasserie DAS SCHÖN in Essen-Rüttenscheid nachkam. Doch dass der Gastrounternehmer aus Bochum dann doch nicht konnte, durfte man ihm nicht übelnehmen. Schließlich managt er mit dem Tucholsky samt ART Hotel, dem Tapas, dem Beef and Burger und vor allem der Sportsbar Three Sixty allein vier Läden im Bermudadreick, das Restaurant Forsthaus im Weitmarer Holz und die Three-Sixty-Ableger in Oberhausen und Bielefeld. Da kann schon mal ein Termin dazwischen kommen.

Für den Abend wird neu eingedeckt.

Mit der Brasserie DAS SCHÖN wagt sich zum ersten Mal ein Vertreter der Bochumer Szenegastronomie auf das Rückgrat er Essener Urban-Gourmandise, die Rüttenscheider Straße. In den Räumlichkeiten des etwas überdimensionale geratenen Neubau RÜ 199 versuchten sich bereits einige Zeit lang die rheinischen Frohnaturen vom Eigelstein, im letzten Herbst strichen sie aber die Segel. Nach der Übernahme hatte Bickelbacher erst einmal unter alter Flagge noch die Reservierungen für Weihnachten und vor allem Karneval abzuarbeiten, um dann den Laden zu schließen, völlig umzubauen und Ende April als DAS SCHÖN neu zu eröffnen. Wie Christian Molls, für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, mitteilte, nahm man nach längeren Diskussionen davon Abschied, hier einen weiteren Ableger der Sportsbar Three Sixty aufzumachen, sondern errichtete ein Ess-Lokal, „wie wir uns es alle eigentlich persönlich wünschten.“ DAS SCHÖN wurde eine Brasserie nach französischem Vorbild mit „Interpretationen und Weiterentwicklungen der europäischen bürgerlichen Küche: bodenständig und doch gehoben, traditionell und doch anders“, wie es in der Pressemitteilung stand.

Ein Name, der Vorstellungen provoziert.

Bevor ich DAS SCHÖN betrat, hatte ich durchaus die Befürchtung, dass mir in einem Laden mit solch einem Namen das überwältigende Ambiente und die coole Atmosphäre den Appetit verschlagen würden. Doch ich war sofort von dem vielen Licht eingenommen, das von außen durch die großen Fenster einfiel, die gleichzeitig den Blick für die Gäste drinnen auf die trubleige Rüttenscheider Straße an der Girardet-Brücke freigaben. Eine große Bar bildete den Blickfang, klassische Bistrostühle und –sessel machten sofort deutlich, worum es hier geht.

Küchenleiter Andrew-John Hotz schält die Kartoffeln selbst.

Und dann natürlich die große, offene Küche, die jedem Gast transparent macht, wie hier gearbeitet wird. Was mir da als erstes auffiel, fand ich schlichtweg großartig. Da stand der Küchenleiter Andrew-John Hotz und schälte höchstpersönlich einen riesigen Pott voll Kartoffeln, und zwar mit der Hand. Als er meine Begeisterung dafür bemerkte, erklärte er mir sofort, wie wichtig ihm das handwerkliche korrekte Kochen mit frischen Zutaten ohne die in der heutigen Gastronomie gängigen Convenienceprodukte sei.

 Der Nudelteig wird selbst gemacht.

Der Josper-Ofen wird mit Holzkohle geheizt.

Ein kurzer Rundgang durch die Küche zeigte, dass er nicht übertrieb. Neben der offenen Mehltüte lag da ein großer Batzen frisch gekneteter Teig, aus dem Pasta fresca werden sollten, wenn er nur lang genug gegangen war, dort simmerten in einem Sous-Vide-Bad große Stücke Schaufelbug bei niedrigster Temperatur, die Tage später im Josper-Ofen ihr Finish erhalten sollten. Der Josper-Ofen ist Andrews großer Stolz, ein traditioneller Backofen, bei dem über der Holzkohlenglut gegrillt und gebacken werden kann und der dem Bratgut ein unvergleichliches Röstaroma verleiht.

Küchenleiter Andrew-John Hotz, Küchenchef Marcus Schaut (hinten) und Restaurantleiter Adis Softic (Mitte) mit ihrer Crew.

Und nun war es vielleicht sogar ganz gut, dass Christian Bickelbacher nicht da war. Statt mit ihm über die Mühen des Bochumer Bermudadreiecks bei der Eroberung der Rü diskutieren zu müssen, konnte ich mich ganz dem Streifzug durch die Speisekarte widmen, den Küchenchef Marcus Schaut und seine Crew zubereiteten – tadellose Beispiele handgemachter Hausmannskost in Probierportionsgröße, die man sich aber zu Hause niemals so schön zubereiten würde.

Spontane Weinprobe: Deutsch-Bordeaux vs. Deutsch-Burgund.
Burgund gewinnt.

Dazu servierte Restaurantleiter und Weinfachmann Adis Softic eine Auswahl von der Weinkarte für eine kleine Spontanprobe: den Ruppertsberger Riesling von Martin und Georg Fußer aus der Pfalz, die Assemblage Unfiltered aus Cabernet Sauvignon, Dornfelder und Cabernet Mitos von Peth Wetz in Rheinhessen und, wie es der Zufall wollte, aus einer übrig gebliebenen Testflasche den Spätburgunder Unplugged von Kreuzberg an der Ahr. Keine Frage: Deutsch-Burgund schlug Deutsch-Bordeaux um Längen.

Große Fenster bringen Licht. 
Im Glas: Ruppertsberger Riesling von Fußer.

Im Laufe des späten Nachmittages und frühen Abends füllte sich DAS SCHÖN zusehends mit charmantem Rüttenscheider Publikum. Schöne Mütter mit noch schöneren Töchtern, die vom Shoppen hungrig waren, Strohwitwer mit kalter Küche auf der Suche nach etwas Ordentlichem zu Essen, Pärchen und Studenten, die in einem hippen Lokal sein wollten. Wie ich die Sache sehe, wird DAS Schon seinen Platz zwischen dem kulinarischen Entertainment des singenden Sternekochs Nelson Müller und der leidenschaftlichen Autorenküche von Thomas Friedrich und Andre Kauke in der Rotisserie du Sommelier schnell finden. Und auch die von ihren Gewohnheiten geprägten langjährigen Gäste der traditionsreichen Edel-Italiener, die die Rü seit Jahrzehnten prägen, können hier glücklich werden.

Eine Frage bleibt aber unbeantwortet: Warum macht Christian Bickelbacher so einen schönen Laden in Essen auf und nicht in der Bochumer Innenstadt auf, wo es sich viele wünschen?

Das Menü


Kopfsalat
Zitronen-Rahm-Dressing
Testernotiz: Leicht, fruchtig, saftig. Das Rote sind Berberitzen.

Burrata
Ochsenherztomaten, grüner Spargel aus dem
Josper-Ofen und alter Balsmico
Testernotiz: Ein Klassiker, der nichts zu wünschen übrig lässt.

Zwiebelsuppe
Majoran und Gruyère-Senf-Röstbrot
Testernotiz: Allein das belegte Brot! Und es wäre ja ein Schande, wenn es in einer Brasserie keine Zwiebelsuppe gäbe.

Tagliatelle
Ragù alla bolognese alla tradizione anno 1982
Testernotiz: Die Nudeln natürlich hausgemacht. Und was die Tradition von 1982 ist? Keine Ahnung, aber lecker.

Fjordforelle
Gegrillte Artischocken, Cassoulet von weißen Bohnen
und Sucuk, Salbeibutter.
Testernotiz: Himmlisch. Zum deftigen Würzen des Cassoulets wurde statt Schweinswürsten und Speck die türkische Rindswurst Sucuk verwendet, mit Rücksicht auf muslimische Kunden. Französische mit türkischer Küche gekreuzt: ist das die wahre Ruhrgebietsküche?
Die Artischocken etwas holzig.

Bœuf de SCHÖN
Gerösteter Tafelspitz, Bratkartoffeln, Bio-Spiegelei, und Feldsalat
Testernotiz: Die Fleischstückchen, die sich bei dieser Probierportion unter dem Spiegelei verstecken, zeigen, was der Josper-Ofen kann: außen knusprig, innen so zart, dass sie auf der Zunge zergehen wie das Spiegelei. Vielleicht ein wenig mehr Salz
und die Bratkartoffeln knuspriger?

Dessert
Dinkel-Risotto
Petersilieneis, Knusperhippe, Apfel und Ingwerschaum
Testernotiz: Zutaten, die man sich als Beilage zu Hauptgerichten vorstellen kann, leicht angesüßt als Dessert. Erdiges Staunen.

Und zwischendurch:
Die Beste Bratwurst
vom wilden Schwein, Bigos, Kartoffelstampf und Röstzwiebeln

Testernotiz: Ruhrgebietsküche at its best. Keine Currywurst (!), sondern Wildschwein-Bratwurst direkt vom Jäger aus dem Sauerland, dazu polnisch zubereitetes Sauerkraut.

DAS SCHÖN Brasserie Bar, Rüttenscheider Str. 199, 45131 Essen, Tel 0201/45033883, Mo-Fr ab 12 Uhr geöffnet, Sa, So ab 10 Uhr. Mittags Lunch, abends à la carte. www.dasschoen. de



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