Montag, 28. Juni 2010

RUHR.2010: Anweisungen aus der Vergangenheit



Arpad Dobriban serviert "Huddel mit Birnen"

Es war ein Event, wie ihn die Kulturhauptstadt auch hervorbringen kann. Jenseits aller Gigantomanie, unter einem hochsommerlichen romantischen Sternenhimmel, auf dem Parkplatz am Rhein-Ruhr-Zentrum, hatte der der Düsseldorfer Künstler Arpad Dobriban letzten Samstag im Rahmen des RUHR.2010-Projektes „Die Schönheit der großen Straße“ zu einer ersten langen Tafel eingeladen.

Deftiges aus Schüsseln und Töpfen

Deftige Speisen wurden in großen Schüsseln und Töpfen aufgetragen, und alle konnten kräftig zulangen – essen als Gemeinschaftserlebnis. Dabei berichtete Arpad Dobriban über die Recherchen für sein Projekt mit dem vieldeutigen Titel „Essen an der Ruhr“. Mit Studenten der Universität Witten Herdecke hatte Künstler ältere Menschen im Ruhrgebiet über die Gerichte interviewt, die früher in ihrer Familie gekocht war. Ziel der Aktion war es, mit Hilfe dieser „Anweisungen aus der Vergangenheit“ den Geschmack der Region zu dokumentieren. Parallel zur Umfrage im Ruhrgebiet recherchierte der gebürtige Ungar auch in seiner Geburtsstadt Pécs, die ebenfalls in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas ist. Und so bekamen die ca. 50 Gäste ein ganz eigenartiges Menü serviert, nostalgische Hausmannskost meist aus Ungarn.

Chic inszeniert: Lange Tafel auf dem Parkplatz

Ob dem Ziel, den authentischen Geschmack einer Region oder einer vergangenen Zeit ausgerechnet bei einem künstlerischen Event auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums an der A 40 zu finden, möchte der Genießer bezweifeln. Zu unauthentisch empfand er diese Inszenierung eines gemeinsames Mahles wie aus dem Sehnsuchtsbilderbuch einer sich selbst entfremdeten Gesellschaft; zudem fehlte die Referenz, mit der man den Geschmack der servierten Speisen hätte vergleichen können. Möglicherweise hat es früher so geschmeckt, vielleicht aber auch ganz anders.

Authentische Fertigsuppe: Hurut-Kegel

Das heißt nicht, dass der Abend nicht ungeheuer unterhaltsam, spannend und reich an Überraschungen gewesen wäre. Denn das Menü war einzigartig, besonders wegen der vielen ungarischen Bezüge. Zum Einstig nach „Boltens Landbier“, Schinken und Salzgurken gab es als Grundlagen erst einmal einen Schnaps aus den Früchten des Speierling-Baumes. Weil die „Gestummten Klees mit Quittenkompott“, ein Gericht der Banater Schwaben aus gemehlten und frittierten Kartoffelklößen, den Kroketten nicht unähnlich, noch nicht fertig waren, wurde „Angads kabur“ vorgezogen. Diese Suppe mit gefüllten Nudeln als Einlage war aus einem selbstgefertigten, getrockneten kegelförmigen Konzentrat aus Kräutern und Sauermilch namens „Hurut“ hergestellt, das einst von armenischen Einwanderern nach Siebenbürgen gebracht wurde.

Menü

Das „Gefüllte Kraut“, bei dem Kraut und Füllung durch lange Garzeiten geschmacklich angeglichen wurden, war ebenfalls ein traditionelles ungarisches Gericht. Als Ruhrgebietsreminiszenz folgte als Zwischengericht Mangold mit Zitrone gesäuert, das seinen italienischen Ursprung nicht verleugnen konnte.

Höhepunkt waren dann die „Huddel mit Birnen“, riesige Hefeklöße, die Zusammen mit Speck und Birnen in einem Topf langsam gegart worden waren. Den Nachtisch bildeten mit Pflaumenmus gefüllte Buchteln nach einem Rezept einer Frau aus Dorsten.

Wein vom Direktträger

Beachtenswert waren auch die Weine. Neben dem weißen „Somogyi Pécsi Cirfandli 1997“ und dem roten „Remet-bor Szekszárdi Kardaka 2007“, die die aktuelle Weinproduktion in Ungarn demonstrierten, war eine Hauswein aus dem Jahr 2009 eine Entdeckung. Er war aus Trauben eines Direktträgers gekeltert, einer Rebsorte, die in der Regel nur als reblausresistente Basis für das Aufpropfen von sogenannten Edelsorten genutzt wird. Der Genießer entdeckte darin einen starken Duft nach Weihrauch.

"Authentisches" aus der ambulanten Küche

Klein, aber fein: Spitzenevent von RUHR.2010

Einen weiteren Bericht über die Veranstaltung finden Sie hier.

Einen Kommentar von Arpad Dobriban finden Sie hier.

Kommentare:

  1. Ich hatte auch das Glück Teilnehmer dieses unvergesslichen Abends zu sein. Es ist zwar richtig, dass wir keinen Referenzgeschmack zu den diversen Gerichten hatten. Dennoch war es ein außerordentliches Geschmackserlebnis z. B. die säuerliche Suppe zu geniessen oder die gefüllten Krautwickel, die nicht nach Kohl schmeckten. Ich habe hier Geschäcker kennengelernt, die ich so noch nie geschmeckt habe. Es ist wirklich ein interessantes Unterfangen, dem vergangenen Geschäckern nachzuspüren, was sich Dobriban zur Aufgabe gemacht hat. Auch hier kann seitens der innovativen Köche einiges geleistet werden, man muss das Thema nur angehen.

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  2. Auf jeden Fall hat Arpad Dobriban da eine tolle Idee gehabt und sie auch umgesetzt. Allein DAS gebührt Respekt!

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  3. Faszinierend finde ich den Hurut Kegel, würde ich gerne mal ausprobieren.

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  4. Hier gibt es ein Rezept, aber a) auf englisch, und b) äußerst kompliziert:
    http://housekeepingspace.blogspot.com/2009/12/armenian-churut.html

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